Booklet Text
Für einen großen Opernsänger, der auf den bedeutendsten Bühnen der Welt gestanden und Kritiker wie Publikum in Rollen von Mozart, Gounod und Berlioz begeistert hat, ist es durchaus eine Herausforderung, sich auf öffentliche Plätze oder in die Intimität eines Kabaretts zu begeben, dorthin, wo Tangos, Milongas und andere populäre Melodien gespielt, gesungen und getanzt werden. Wie diese CD beweist, hat der Bassbariton Erwin Schrott (Jahrgang 1972) genau das mit sehr großem Erfolg getan. Dieselbe exquisite und kultivierte Stimme, die in den vergangenen Spielzeiten die Arien Leporellos in Don Giovanni oder Escamillos in Carmen so nuancenreich und ausdrucksvoll gesungen hat, dass die Kritik diese Interpretationen als Heldentaten des Operntheaters feierte, identifiziert sich hier, ohne ihre Eleganz und Erlesenheit zu verlieren, mit der Schlichtheit, Emotionalität und Leidenschaft von Liedern, die das große Publikum erfreuen.
Seit seinem Debüt mit 22 Jahren in der Rolle des Roucher in Andrea Chénier ist Erwin Schrott unaufhörlich den Weg nach oben gegangen und hat umjubelt die renommiertesten Opernbühnen der Welt erobert. Mit dieser herrlichen Einspielung beginnt eine neue Etappe auf seinem Weg, und es spricht alles dafür, dass sie nicht weniger erfolgreich sein wird.
Mario Vargas Llosa
ERWIN SCHROTT
ROJOTANGO
Ein persönliches Interview
»Tango ist in meine Seele eingebrannt. Tango hat einen festen Platz in meinem Herzen«, erklärt der Bassbariton Erwin Schrott und erzählt weiter: »Mein Vater machte jeden Morgen um 6:30 Uhr das Radio an und erfüllte das Haus mit den Klängen großer Tango-Sänger wie z.B. Carlos Gardel und Julio Sosa. Als ich klein war, habe ich immer mitgehört und meinem Vater Gesellschaft geleistet, während er seinen Mate trank. Es war ein tägliches musikalisches Ritual und ist ein gewaltiger Teil vom Soundtrack meines Lebens.«
Trotz seiner Leidenschaft für dieses Genre mag Schrotts Entscheidung, ein Tango-Album aufzunehmen, manchen überraschen. Am bekanntesten ist der uruguayische Bassbariton wohl für seine charismatische Darstellung des findigen Figaro, des listigen Leporello und des abgründigen Don Giovanni in führenden Opernhäusern weltweit. Kritiker und Publikum lobten ihn einhellig für seine lebendige, schmeichelnde Stimme, seine ausgeprägte Musikalität und seine hingebungsvolle Bühnenpräsenz. Die Zeitung Die Welt pries Schrott sogar als „weltbesten Leporello“.
Für sein Debütalbum bei Sony gönnt er sich nun eine Pause von all dem, um sich stattdessen dem Tango zu widmen. Vielleicht ist »Pause« das falsche Wort: »Ausflug« mag es treffender umschreiben, denn für Schrott sind die Parallelen zwischen Tango und Oper so bedeutsam wie ihre Unterschiede. »Sie haben so viel gemeinsam«, erklärt er. »In beiden mischen sich Leidenschaft, Spannung, Schmerz, Seligkeit, Leid, Freiheit … die intensivsten menschlichen Gefühle, die wir erleben können. Wie Jorge Luis Borges schrieb: ›Der Tango drückt unmittelbar aus, was Dichter schon oft versucht haben in Worte zu fassen: den Glauben daran, dass ein Kampf ein Freudenfest sein kann.‹ Er ist wie der Herzschlag, man kann ihn weder lernen noch verstehen. Man kann ihn nur lieben und sich an ihm erfreuen.«
Diese Leidenschaft, ein Leitmotiv des gesamten Albums, findet sich besonders im ersten Stück Rojotango (»Roter Tango«), einem feurigen Meisterwerk in Moll von Pablo Ziegler. »Oh, ich liebe dieses Lied«, schwärmt Schrott. »Die Begleitung ist so kraftvoll, so voller … voller …« Ihm fehlen vorübergehend die Worte. Stattdessen rollt er mit der Zunge und lässt ein gutturales Knurren hören. Was es auch sei, das die Begleitung erfüllt, es ist definitiv heißblütig und sexy.
Eine Parallele zwischen Oper und Tango besteht also in der ausgeprägten Gefühlssprache. Aber kann der Tango mit dem Spannungsbogen und der dramatischen Wucht einer Oper mithalten? »Doch, das kann er«, versichert Schrott begeistert. »Tango ist genau wie die Oper – eine Oper vom Río de la Plata. In der Oper erstreckt sich die dramatische Entwicklung über vielleicht drei Stunden. Der Tenor tritt auf, er verliebt sich in die Sopranistin, die krank wird und stirbt, der Bariton bringt den Tenor um und bleibt allein übrig, voll Trauer um seine unerwiderte Liebe … All das passiert auch im Tango, aber in drei Minuten statt drei Stunden!«
Die Ursprünge des Tangos lassen sich bis zu den Bars, Clubs und Bordellen im Montevideo und Buenos Aires des späten 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Diese Etablissements bildeten den Schmelztiegel, in dem die europäische Salonmusik und die synkopierten Rhythmen der afrikanischen Immigranten zusammentrafen. Und eben hier fand das Bandoneon – eine Spielart des Akkordeons, das ursprünglich in Deutschland in der Kirchenmusik verwendet wurde – ein neues Zuhause in der Begleitung von Liedern über Liebe, Leid und Verlust. In diesen Städten, in denen über 100.000 mehr Männer als Frauen lebten, übten die Männer das Tanzen unter sich. Auch das trug zu der aggressiven, betont männlichen Sexualität und der Kraft bei, die dem Tango eigen sind. »Der Tango schmeckt nach Leben und riecht nach Tod«, erzählt Schrott. »Er ist Teil der Nacht, und man muss die Nacht in der Stimme spüren. Ich glaube, ein dunkler Bassbariton-Klang ist perfekt dafür – zum Glück. Die Nacht war mir schon immer eine liebe Gefährtin: eine unbewusste Inspiration, eine dunkle Muse, erhellt vom Klang des Bandoneons, der gleichzeitig intim und erfrischend ist.«
Aber wie kann eine klassisch ausgebildete Stimme all das transportieren? Muss ein Opernsänger dafür eine andere Gesangstechnik verwenden? »Auf der Gefühlsebene besteht kein Unterschied zur Oper. Stimmbildnerisch ist die Technik allerdings anders. Aber genau wie in der Oper kann auch hier nicht allein die Technik entscheidend sein. Man muss sich beim Musizieren hinreißen und ganz von der Musik erfüllen lassen.«
In seinen frühen Jahren hat Schrott selbst einige opernreife Rückschläge erlebt. Er wurde 1972 in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, geboren. Seine Eltern liebten die Musik und schufteten ihr Leben lang, damit ihre Kinder es einmal besser hätten. Sein Vater war Leiter einer Schuhfabrik, später eröffnete er ein Restaurant. Doch das Leben im Südamerika der 70er und 80er Jahre konnte hart sein, und man musste sich, gelegentlich auch sehr schnell, immer wieder neuen Umständen anpassen. »Ich war neuneinhalb, als die Wirtschaft zusammenbrach, also half ich meinem Vater beim Autowaschen, um Geld zu verdienen. Das hat mich vieles gelehrt. So wurde mir klar: Was immer man im Leben tut, man muss es so gut machen, wie man nur irgend kann, und seine ganze Energie hineinstecken, selbst wenn man nur Autos wäscht.«
Schon als Junge liebte Erwin den Gesang. Mit nur acht Jahren sang er zum ersten Mal in einer Oper, und später unterhielt er, wenn er nicht im Restaurant seines Vaters kochte oder putzte (er kocht immer noch leidenschaftlich gern), die Gäste mit seinem Gesang. Nachdem mehrere Gäste sagten, Erwin solle doch Unterricht nehmen, begann er Gesang zu studieren. Mit 22 Jahren debütierte er in Montevideo und gewann bald ein Stipendium für ein Studium in Italien. 1998 gewann er den Ersten Preis und den Publikumspreis bei Plácido Domingos Operalia-Wettbewerb, woraufhin er eine Flut exzellenter Angebote aus aller Welt erhielt.
Nun kehrt Schrott gewissermaßen zu seinen frühesten Erinnerungen zurück, und es sind nicht nur musikalische: Mit jedem dieser Stücke verbindet der Sänger ein besonderes Gefühl. »Gracias a la vida hat die wunderschöne Zeile ›das Leben schenkte mir zwei Sterne‹, deshalb habe ich es meinen Kindern gewidmet, die zwei Lichtblicke in meinem Leben sind. Mit diesem Lied versuche ich, mich für all die wunderschönen Dinge zu bedanken, die mir das Leben geschenkt hat, und sie zu feiern, deshalb ist es fröhlich und optimistisch. Bocha habe ich dem Andenken zweier lieber Freunde gewidmet, Mila Rosa und Nacho Ventura. Bei diesem Lied ist mir die Bandoneon-Begleitung besonders wichtig, denn sein melancholischer Klang erinnert mich an ihre Stimmen. Sie sind nicht mehr unter uns, aber weiterhin bei mir.«
Weitere Lieder hat Schrott wegen der besonderen Bedeutung ausgewählt, die sie für ihn haben. »Desde que o samba é samba ist unverkennbar brasilianisch. Der Text klingt traurig, aber dem steht eine warme Melodie gegenüber, was für mich die geheimnisvolle Zwiespältigkeit Brasiliens perfekt zum Ausdruck bringt. Und eine Textzeile lautet: ›Singend vertreibe ich meine Traurigkeit.‹ Diese Zeile wollte ich wiederholen, denn genau das mache ich. Wie immer ich mich fühle, die Musik ist mein Weg, damit zurecht zu kommen.«
Dieses Album entstand in enger Zusammenarbeit mit dem argentinischen Pianisten und Komponisten Pablo Ziegler, der bereits seit 40 Jahren eine zentrale Figur in der Tango-Szene ist und sowohl die Arrangements geschrieben als auch einige Kompositionen beigesteuert hat. »Wir haben uns getroffen, um die Stücke durchzuspielen und Ideen auszutauschen«, erzählt Schrott, »und Pablo war ganz offen für meine Vorschläge. Wir haben so vieles gemeinsam, wir haben das gleiche … garra! [wörtlich »Kralle«, im übertragenen Sinn etwa »Leidenschaft, Feuer, Esprit«] Wir haben entschieden, jedes Lied im Ganzen aufzunehmen und nicht jeweils die einzelnen Klangspuren zu addieren. Wir fanden, das wäre das Beste, um die Atmosphäre lebendig zu halten. Es ist diese Art intime Musik, die sich anfühlen sollte, als sei man am Ende einer langen Nacht – gefühlstrunken, verliebt, erregt, in höchster Verzückung oder auch voller Zärtlichkeit und verrückter Leidenschaft, voller widerstreitender Gefühle … So holt man alles aus dem Tango heraus, und genau das wollte ich erreichen.«
Seit er bei seinen Konzerten nicht nur Opernarien, sondern auch Tangos singt, wird Schrott von positiven Publikumsreaktionen von München bis Moskau, London bis New York und Salzburg bis Wien überwältigt. »So machte ich die Erfahrung, dass ich mich letztlich überall auf der Welt zuhause fühlen kann, egal wo ich mich gerade aufhalte. Die Wärme, die mir das Publikum entgegenbringt, und die Freundschaften, die ich überall geschlossen habe – das gibt mir das Gefühl, zuhause zu sein.«
Warwick Thompson

